Die Macht der Wahl


Unsere technologische Entwicklung ist nicht vorbestimmt

 

In der Nacht vom 26. auf den 27. Sept. 1983 heulten in der Kommandozentrale der sowjetischen Satellitenüberwachung Sirenen auf und <Alarm> leuchtete grell in kyrillischen Buchstaben. Ein Aufklärungssatellit hatte über den USA einen Lichtblitz wahrgenommen und die Information weitergegeben: Start einer Minuteman-Rakete, Kurs: Sowjetunion. Der 44-jährige Oberstleutnant Stanislaw Petrow entschied aufgrund verschiedener Überlegungen der Führung der Sowjetunion keine Meldung zu machen. Bald fand man heraus, dass es Reflexionen des Sonnenlichtes waren die der Satellit als Start einer Atomrakete interpretierte. Sehr wahrscheinlich hat Petrow einen nuklearen Krieg verhindert. Er wurde 2013 mit dem Dresden Preis geehrt.  [1]

Selbst in schwierigsten Umständen haben Menschen eine Wahl
Petrows Verhalten war vorbildhaft und zeigt, dass wir unsere Fähigkeit Entscheidungen zu treffen selbst in Situationen anwenden können, die auf den ersten Blick als vorgegeben erscheinen. Bezüglich der technologischen Entwicklung hingegen – dem Schlüsselbereich menschlicher Aktivitäten in unserer Zeit – wird immer wieder suggeriert, dass wir keine andere Wahl hätten als der Eigendynamik technischer Evolution zu folgen und deren Produkte zu konsumieren. Das ist natürlich nicht so. Max Frisch hat sogar festgestellt, dass die Würde des Menschen in der Wahl bestehe.

Die subjektive Sicht, dass mit der technologischen Entwicklung etwas Vorgegebenes und Unvermeidliches passiert, ist unser grösster Feind. Nur wenn wir dieser Sicht keine andere Perspektive gegenüberstellen können wird sie zu einer selbsterfüllenden Prophezeiung. Erst dann hat sich die Menschheit selbst – nicht die technologische Entwicklung – ins Abseits gestellt.

Mässigung und Auslese
Mit dem Einreden des Unvermeidlichen geben wir uns einen Vorwand zu kapitulieren bevor wir uns der epochalen Herausforderung gestellt haben: dafür sorgen, dass technologische Entwicklung nicht zu einer alles-vereinnahmenden Sturmflut wird. Den Eigendynamiken dieser Entwicklung müssen wir andere Kriterien beifügen als nur das was für uns machbar, nutzbar und finanzierbar ist. Damit technologische Entwicklung eben nicht alles-vereinnahmend wird braucht sie kulturelle Mässigung und Auslese, welche aber zurzeit kaum existieren.

Damit die technologische Entwicklung unserem Menschsein nicht davoneilt müssen wir sie viel achtsamer und selektiver angehen. Dafür braucht es Entschleunigung: bei der Entstehung von Wissen und vor allem bei der technologischen Anwendung dieses Wissens. Diese nötige Entschleunigung tangiert wissenschaftliche und unternehmerische Freiheit, welche zweifellos wichtige Werte sind, aber nicht sakrosankt sein dürfen. Auf dem Spiel steht viel mehr als die persönlichen Aspirationen von Wissenschaftler und Unternehmer – auch viel mehr als die aus diesen Aspirationen abgeleiteten persönlichen und gesellschaftlichen Vorteile. Die Bedeutung von dem was es zu beschützen gilt geht weit über unsere individuelle Leben und unsere Zeit hinaus. Es geht um das Menschsein an und für sich.

Technologische Entwicklung ohne Unterminierung des Menschseins
Die Idee der kulturellen Entschleunigung und Selektion technologischer Entwicklung können wir natürlich nicht perfekt umsetzen. Dies ist aber kein Argument gegen neue Institutionen und Entscheidungsprozesse und gegen neue Regeln und deren Kontrolle. Trotz Geschwindigkeitsbegrenzungen gibt es Raser, trotz Gesetze gegen Diebstahl und Vergewaltigung gibt es Diebe und Vergewaltiger, trotz Gesetzgebung zum Schutze der Umwelt und bedrohter Arten gibt es Verschmutzung und Aussterben. Die Frage ist, wieviel schlechter die jeweilige Situation wäre wenn wir kulturelle Einsichten nicht in entsprechende gesellschaftliche Bemühungen und gesetzlichen Regelungen umsetzen, bzw. deren Einhalten nicht kontrollieren würden.

Warum sollen wir uns dieser gewaltigen Herausforderung stellen? Diese Frage hängt damit zusammen, ob menschliche Existenz mehr sein soll als ein stumpfes, atemloses Anpassen an die sich immer schneller verändernden Realitäten der technologischen Evolution. Wenn wir kulturelle Vielfalt und (Entscheidungs-)Freiheit als wertvolle Aspekte menschlicher Existenz anerkennen – Aspekte die wir für uns und unsere Nachkommen erhalten wollen – dann dürfen die um sich greifenden technologischen Umstände nicht omnipräsent und alles-definierend werden. Wenn wir nichts tun, bzw. weiterhin Kosmetik betreiben, dann wird das Menschlich-biologische – von dem z.B. auch unsere sozialen, spirituellen, künstlerischen, moralischen, oder emotionalen Aspekte abgeleitet sind – immer mehr von den Realitäten der technologischen Evolution verwässert und verdrängt.

Der Eindruck, dass eine signifikante Verringerung forschender und unternehmerischer Freiheiten ein Ding der Unmöglichkeit sei, ist in Anbetracht der Bedeutung die diese Freiheiten in unserem wirtschaftlich-politischen System haben verständlich. Aber die moralische Notwendigkeit und gesellschaftlichen Vorteile von z.B. der Trennung von Kirche und Staat, der Abschaffung der Sklaverei, oder der Einführung des Frauenstimmrechts waren auch grundlegende Erneuerungen, die erst durch die Überwindung etablierter „Wahrheiten“ zustande kamen.

Wir sind biologische und technologische Wesen und waren schon immer beides: im Wechselspiel zwischen Biologie und Technologie hat sich unsere Geschichte entwickelt. Dieses Zweipolige definiert unsere Spezies. Vor allem seit der Industrialisierung gewinnt der technologische Aspekt unserer Existenz aber immer mehr Gewicht. Wenn wir Menschen bleiben wollen, müssen wir dem „biologischen“ – d.h., den nicht-technologischen Aspekten unseres Wesens – mindestens gleich viel Zeit, Energie, Aufmerksamkeit und andere Ressourcen zugestehen wie dem Technischen. Es geht also nicht darum technologische Entwicklung zu stoppen – das wäre absurd. Es geht darum, dass wir uns auf eine Art und Weise technologisch weiter entwickeln, welche das Menschsein nicht buchstäblich in Technologie auflöst.

Durch Wahl gewinnen wir Würde und durch Würde finden wir die Macht um uns dieser Herausforderung zu stellen.


[1] Quelle: Neue Züricher Zeitung (25. September, 2013) und Wikipedia

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