Verquickung zwischen Wissenschaft und Wirtschaft brechen


Interview - "In der westlichen Welt herrscht eine spirituelle Leere"

 

Erschien auch im Migros Magazin

 

James Heim, was war angesagt, als Sie 2002 nach Kalifornien zogen?
Nach dem Platzen der Dot-com-Blase gab es wieder erste Zuckungen auf dem Markt. Vor allem Google machte von sich reden: Eine so effiziente Suchmaschine hatte man vorher noch nie gesehen. Die Googlers waren velofahrende Geeks, im Schnitt Anfang 20, total unkonventionell. Als ich die Firma 2003 besuchte, hatte man das Gefühl, man sei auf einem Campus. Was damals echt war, ist heute allerdings primär Marketing.

Weshalb besuchten Sie sie?
Google suchte ein Standbein in Europa. Ich habe im Namen der Firma, für die ich damals arbeitete, für Zürich geworben. War es schwierig, Google nach Zürich zu holen? Ein Vorteil war, dass es bereits ein paar Ingenieure gab, die eine Affinität zur Schweiz hatten. Es waren verschiedene Gründe, weshalb Google 2004 letztlich ein Büro in Zürich eröffnete und nicht in München oder London. Die tiefen Steuern erleichterten sicherlich den Entscheid.

Wie war die Stimmung damals in San Francisco?
Die Techszene war noch nicht wirklich in der Stadt angekommen. Noch war sie im Silicon Valley, einer vergleichsweise konservativen Gegend. Den jungen Ingenieuren, die bei Google und später bei Facebook zu Millionären wurden, war es dort zu langweilig. Sie zogen in die Stadt, und die Mietpreise stiegen ins Unermessliche – das ging so weit, dass wütende Rentner Ziegelsteine nach den Google-Bussen warfen.

Ist das auch ein Grund, wieso Sie der Technologie gegenüber so skeptisch geworden sind?
Nein. Ich bin der Technologie gegenüber auch nicht aus Prinzip skeptisch. Ich bewundere Ingenieurleistungen wie die Eisenbahn, das Fliegen, die Kommunikationstechnologie. Aber mir macht Sorgen, wie unkritisch wir mit Technologie umgehen und in welchem Mass sie heute unser Leben und Denken dominiert. Wir nehmen alles an, bejubeln jede neue Erfindung. Mir kommt es vor, als seien wir im Dauerrausch, benommen von den Möglichkeiten, die uns die Technologie bietet.

Was hat zu Ihrer kritischen Haltung geführt?
Als Standortförderer besuchte ich viele Anlässe, an denen Ingenieure ihre Forschungsfelder und Geschäftsideen präsentierten. Einmal bin ich mit einem Biowissenschaftler, der sich mit genetischen Manipulationen beschäftigte, auf Einstein zu sprechen gekommen. Dessen Erkenntnisse haben den Bau von Atombomben unterstützt – und am Ende seines Lebens sagte er: Wenn er das gewusst hätte, wäre er lieber Uhrmacher statt Physiker geworden. Ich fragte den Biowissenschaftler, ob auch er sich Gedanken über mögliche negative Konsequenzen seiner Forschung mache.

Und?
Er zeigte sich dafür offen, wohl auch, weil er noch keine Investoren hatte und somit keinen Grund, das Thema zu verdrängen. Ich machte mir während Jahren einen Spass daraus, Forscher und Ingenieure auf die möglichen unbeabsichtigten Folgen ihres Tuns anzusprechen. Die meisten überlegen sich kaum je, was für negative Folgen ihr Tun haben könnte. Dabei ist es enorm, was all diese Leute da lostreten.

Was denn?
Eine Dynamik, die eine komplett andere Realität erschafft als die, in der wir Menschen als biologische Wesen Millionen von Jahren gelebt haben. Zwar haben sich die Menschen mit jedem neuen Werkzeug und jeder neuen Kulturtechnik, die sie erfunden haben, ein wenig von der Natur entfernt. Doch mit der Wissenschaftsrevolution und der Industrialisierung vor 250 Jahren hat sich dieser Ablösungsprozess stark beschleunigt. Nun dreht sich die Spirale schneller und schneller. Wir geraten immer stärker in eine immer technologischer geprägte Realität.

Was genau befürchten Sie?
Technologie bedeutet nicht einfach nur eine neue App auf dem Smartphone oder immer schnellere Internetverbindungen. Sie schliesst auch Bereiche wie Biowissenschaften oder Gentechnik ein. Und da gibt es Entwicklungen, die nicht mal unsere Experten wirklich verstehen.

Zum Beispiel?
Es wird etwa versucht, weisse Blutkörperchen gentechnisch so zu manipulieren, dass sie Krebszellen selbständig aufspüren und eliminieren. Das ist an sich nichts Schlechtes, niemand will an Krebs sterben. Und das ist genau das Perfide an der technologischen Entwicklung: Sie orientiert sich perfekt an unseren grundsätzlichen Bedürfnissen und verspricht uns Fortschritt und Verbesserung.

Welche Bedürfnisse?
Wir Menschen tauschen uns gern aus, haben es gern bequem und lustig, möchten gesund sein und lange leben. Die diversen neuen Technologien sind auch deshalb so erfolgreich und werden kaum grundsätzlich hinterfragt, weil sie diese Bedürfnisse so gut bedienen. Aber: Wann ist der Punkt erreicht, an dem uns neue Technologien weder glücklicher noch gesünder oder freier machen?

Aber was ist denn nicht gut an den manipulierten Blutkörperchen?
Technologische Entwicklungen haben Auswirkungen auf zwei Ebenen. Erstens auf unsere Biologie und unsere Umwelt: Wie genau verhalten sich diese gentechnisch veränderten Blutkörperchen in uns? Was für weitere Effekte haben sie? Bisher waren wir von Technologie nur umgeben, nun kommt sie nach und nach in uns hinein. Es gibt Leute, die sprechen schon davon, dass wir unsere Gehirne direkt ans Internet anbinden und so mit anderen kommunizieren können, ohne ein Wort zu sprechen. Die Folgen von all dem auf uns und unsere Umwelt sind eine Blackbox. Klar ist nur: Als biologische Wesen verändern wir uns nicht mehr langsam durch die Evolution, sondern rasend schnell durch die Technik.

Und zweitens?
Die gesellschaftlich-politische Ebene: Die Gesundheitsindustrie ist ein lukratives Geschäftsfeld, gerade weil sie unsere Bedürfnisse so gut bedient. Firmen stecken viel Geld in die Forschung, da ist es logisch, dass sie Gewinne sehen wollen. Das ist nicht falsch. Aber wie bei Google sehen wir auch in anderen Industrien eine Konzentration. Wir wissen aus der Geschichte, dass diejenigen, die die Technologie beherrschen, immer auch Macht hatten. Noch leben wir in einer Demokratie. Aber die Staatsform war noch nie in Stein gemeisselt. Schon heute nehmen multinationale Konzerne massiv Einfluss auf die demokratischen Prozesse, zudem nützen sie die gesetzgeberischen Lücken gezielt aus. Die Regulierung hinkt gerade im biotechnologischen Bereich massiv hinterher.

Wohin führt das?
Ich weiss es nicht. Aber ich finde, es ist an der Zeit, dass wir das Tempo drosseln. Unser Leben wird zunehmend durch Effizienz und Funktionalität bestimmt. Aber das Menschsein ist mehr als das: sich der Fantasie hingeben, etwas Kulturelles schaffen, das nicht in erster Linie nützlich ist, träumen, ein spirituelles Leben leben. Das alles hat jedoch in einer rein technologischen Welt keinen Wert, weil es für die Weiterentwicklung der Technologie nicht nötig ist. Im Grunde ist es paradox: Technologie ist durch unsere Neugier und Bedürfnisse erst entstanden, nun dominiert sie unser Leben immer mehr.

Wie drosseln wir das Tempo?
Wir sollten die Verquickung zwischen Wissenschaft und Wirtschaft brechen. Die Wissenschaft hat sich immer mehr der Wirtschaft untergeordnet. Die Wissenschaftsmaschinerie ist völlig überhitzt. Wir sollten weniger Ingenieure ausbilden und ja, ein paar Unis schliessen.

Ist das Ihr Ernst? Sie wollen den Fortschritt ausbremsen?
Den technologischen Fortschritt. Fortschritt kann ja auch sein, ein gutes, zufriedenes Leben zu führen. Etwas dürfen wir bei all dem nämlich nicht ausblenden: die Spiritualität. Und damit meine ich nicht Religion, sondern unser Bewusstsein, dass wir Teil eines Ganzen sind, eingebettet in eine Umwelt, die uns hervorgebracht hat und die wir mit anderen Lebewesen teilen. In der westlichen Welt herrscht eine spirituelle Leere – deshalb geben wir uns so exzessiv der Technologie hin.

Sie übertreiben.
Ich denke nicht. Vor lauter Glaube an die Technologie haben wir unser Verantwortungsgefühl verloren. Es gab Indianerstämme, die sich bei wichtigen Entscheidungen fragten: Welche Auswirkungen haben die Entschlüsse für die nachfolgenden Generationen? Ihr Credo war, dass ein Entscheid sich bis auf sieben Generationen nach ihnen positiv auswirken soll. Heute denken wir nur noch an uns.

Wie entschleunigen Sie selbst?
Mein Handy ist elf Jahre alt, ich kann also gerade einmal SMS empfangen und telefonieren, mehr nicht. Ich bin auch nicht auf Facebook, weil ich lieber direkten Kontakt mit Menschen habe.

Wie wirkt sich das sonst noch aus?
Ich habe mit der Zeit gemerkt, dass ich nicht kritisch über Technologie nachdenken und gleichzeitig Anteilscheine von Technologiefirmen besitzen kann. Diese Aktien habe ich inzwischen verkauft. Ich werde es nicht zulassen, dass neuartige genetische Therapien bei mir angewendet werden, wenn ich krank sein sollte. In einem sterilen Raum zu sterben, ist ein Horrorszenario für mich; ebenso, dass ich als Mensch zur Maschine werde, ein Cyborg mit vielen technologischen Komponenten in mir. Das ist eine Zukunftsvision für die Menschheit, die mich abschreckt.

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